
15. Dezember 2011
Nach der Krise der Jahre 2000-2001 hat die Türkei weitreichende Reformen unternommen, die im vergangenen Jahrzehnt zu höherem Wachstum geführt hat. Die ökonomische Bedeutung der Türkei relativ zur EU wird weiter zunehmen. Im Falle eines türkischen EU-Beitritts würde die „demografische Dividende“ für die EU jedoch nur spärlich ausfallen aufgrund der demografischen Alterung und des schnell wachsenden Pro-Kopfeinkommens der Türkei. Es gibt viele Gründe – politische, ökonomische und strategische –, die den EU-Beitritt für die EU und die Türkei wünschenswert machen. Eine türkische EU-Mitgliedschaft würde die fundamentale wirtschaftliche und demografische Situation der EU dennoch kaum verändern.
Nach der großen Risikoverlagerung („great risk shift") von den Schwellenländern hin zu den entwickelten Volkswirtschaften und angesichts der anhaltend guten mittelfristigen Wachstumsaussichten der Schwellenländer herrscht in diesen Ländern verständlicherweise ein gewisser Enthusiasmus vor. Hierfür ist die Türkei ein gutes Beispiel. Das Land hat in den vergangenen zehn Jahren ökonomisch große Fortschritte gemacht.
Nach der Krise der Jahre 2000-2001 hat die Türkei weitreichende Reformen unternommen; dazu gehörten die Flexibilisierung des Wechselkurses, die Einführung eines Inflationsziels sowie der Unabhängigkeit der Zentralbank, die Reform des fiskalpolitischen Rahmens sowie die Reform und Rekapitalisierung des Bankensektors. Dank dieser Reformen haben sich die wirtschaftlichen Fundamentaldaten signifikant verbessert und das Wirtschaftswachstum beschleunigt. Das durchschnittliche BIP-Wachstum der letzten 10 Jahre lag bei 4%, im Vergleich zu lediglich 2% Ende der 1980er und Ende der 1990er Jahre. Die öffentliche Nettoverschuldung sank von 70% des BIP (die Quote war vor der BIP-Revision höher) auf tragbare 30% des BIP, und die Akkumulation von Devisenreserven trug dazu bei, die Nettoverbindlichkeiten in ausländischer Währung abzubauen. Dies hat zu sinkenden Zinsen und einem deutlichen Anstieg der Kreditvergabe der Banken an den Privatsektor geführt; letztere verdoppelte sich in den vergangenen zehn Jahren von 20% auf 40% des BIP.
Zu den Gründen für die Wachstumsbeschleunigung gehört die Erholung nach der Krise der Jahre 2000-2001, die sich auszahlenden Reformen aus 1980er Jahren (u.a. Wirtschafts- und Handelsliberalisierung), eine überzeugende Verpflichtung zu wirtschaftlicher Stabilität sowie Strukturreformen unter einer Einparteienregierung während der letzten Dekade. Hierbei fällt es schwer, einzelnen Faktoren ihre relative Bedeutung zuzuordnen. Es bleibt abzuwarten, in welchem Maße die politische Disziplin anhält, sollte zu einem zukünftigen Zeitpunkt eine Koalitionsregierung aus mehreren Parteien an die Macht kommen und kein externer Anker, wie der IWF oder die EU-Beitrittsverhandlungen, zu Disziplin zwingen.
Trotz des beeindruckenden Fortschritts bestehen nach wie vor strukturelle Schwächen. 1. Der Anstieg des türkischen Handels war begrenzt. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen stiegen von durchschnittlich 19% des BIP in den 90er Jahren auf 23% des BIP zwischen 2000 und 2010. Die gesamten Handelsaktivitäten in Relation zum BIP stiegen von 41% des BIP in den 90er Jahren auf 49% des BIP in den ersten 10 Jahren des 21. Jahrhunderts. 2. Der Exportmix der Türkei hat sich ebenfalls nur relativ wenig verändert. Der Anteil von Industrieprodukten am Gesamtexport blieb unverändert bei 90%. Die Exporte aus dem Bereich der Spitzentechnologie stagnieren; auf sie entfallen weniger als 2% der Industrieexporte. Das ist die Hälfte des Anteils zum Ende der 90er Jahre und das gleiche Niveau wie 1989 (und erheblich weniger als in führenden Schwellenländern). Last but not least beeinträchtigen die geringen Sparinvestitionsquoten das Wachstumspotenzial der Türkei. Interessanterweise ist die Sparquote tatsächlich von über 20% des BIP in den 1990er Jahren auf unter 17% des BIP im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zurückgegangen – trotz des starken Anstiegs der staatlichen Sparquote. Es überrascht nicht, dass die Türkei ein sehr hohes Leistungsbilanzdefizit verzeichnet. Damit ist sie stark von externer Finanzierung abhängig, um ein reales BIP-Wachstum von 4-5% (ann.) aufrechterhalten zu können.
Trotz dieser Schwachpunkte wird die relative ökonomische Bedeutung der Türkei weiter zunehmen. Das BIP der Türkei macht zurzeit weniger als 5% des BIP der EU-27 aus (auf Basis der Kaufkraftparität). Das türkische Pro-Kopf-BIP macht 50% des EU-Durchschnitts aus. Vor 10 Jahren belief es sich auf 40% und vor 20 Jahren auf 30%. Es ist durchaus realistisch anzunehmen, dass sich dieser Anteil bis 2030 auf 70% beschleunigen könnte. Damit würde das türkische BIP ungefähr 10% des gesamten BIP der EU übersteigen. Dies würde bedeuten, dass die Türkei die viertgrößte Volkswirtschaft in der EU nach Deutschland, Frankreich und Großbritannien wäre, aber wahrscheinlich leicht vor Italien läge. (Natürlich sind die Risiken, die mit dem Ausblick für die Schwellenländer verbunden sind, weitaus größer als die Risiken für die Industrieländer mit ohnehin schon geringer Wachstumsrate.) Selbst in den Jahren 2050-2060 würde nach der derzeitigen Prognose das türkische BIP 17% des BIP der gesamten EU nicht übersteigen – und läge damit unter Deutschlands derzeitigem Prozentsatz von knapp 20%.
In demografischer Hinsicht entspricht die Bevölkerung der Türkei von 73 Millionen 15% der EU-Bevölkerung. Die türkische Bevölkerung ist größer als die französische, italienische und britische Bevölkerung (jeweils 60-65 Millionen), jedoch kleiner als die deutsche (82 Millionen). Die Bevölkerung der Türkei wird 2050 ihren Höchststand von 90 Millionen erreichen (und danach stetig fallen). Zu diesem Zeitpunkt würde der Anteil der türkischen Bevölkerung an der EU etwa dem heutigen Anteil Deutschlands entsprechen. Häufig wird die Einschätzung vertreten, dass die EU im Falle eines EU-Beitritts von einer „demografischen Dividende“ profitieren würde. Dies ist jedoch unwahrscheinlich. Die Anzahl der Türken im arbeitsfähigen Alter wird in den nächsten 10 Jahren nur um 5 Millionen ansteigen (in den nächsten 20 Jahren um 10 Millionen) und mit 61 Millionen im Jahr 2040 ihren Höchststand erreichen. Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter wird schon nach 2025 mehr oder minder unverändert bleiben. Die türkische Nettoemigration ist in letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen: Von ihrem Höchstniveau in den Jahren 1960-1980 dürfte sie sich Prognosen zufolge bis zum Jahr 2025 auf Null verringern. Dies deutet darauf hin, dass selbst wenn der türkische EU-Beitritt den türkischen Bürgern vollständige Arbeitskräftemobilität innerhalb der EU gewähren würde, der Nettozustrom von Arbeitnehmern in die EU-27 sehr begrenzt wäre. Möglicherweise gäbe es sogar gar keinen Zustrom – jedenfalls wäre er vollkommen unzureichend, um den projizierten Rückgang der EU-27 Erwerbsbevölkerung von 10 Millionen pro Jahrzehnt zu kompensieren.
Es gibt viele Gründe – politische, ökonomische und strategische –, die den EU-Beitritt für die EU und die Türkei gleichermaßen wünschenswert machen. Aber eine türkische EU-Mitgliedschaft würde die fundamentale wirtschaftliche und demografphische Situation der EU kaum verändern – ungeachtet der „großen Risikoverlagerung “ und der guten mittelfristigen Wachstumsperspektiven, von denen die Türkei über mittlere Frist weiterhin profitieren wird.
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