Aktueller Kommentar
China: Steuerung der Inflationserwartungen erfordert strukturelle Veränderungen

5. März 2012

 

Am 18. Februar kündigte die chinesische Zentralbank (People’s Bank of China, PBOC) die Senkung der Mindestreservequote für große Finanzinstitute um einen halben Prozentpunkt auf 20,5% an; Ziel sei eine verbesserte „Feinsteuerung“, so Chinas Premierminister Wen Jiabao vor etwa zwei Wochen.

Mit dieser Maßnahme soll das Wirtschaftswachstum gestützt werden; dabei werden erhebliche Mengen an Liquidität in das Finanzsystem gepumpt, während gleichzeitig die Inflation unter Kontrolle gehalten wird.

aDie Steuerung von Inflationserwartungen ist in einem Land mit einer Bevölkerung von mehr als 1,3 Milliarden Menschen keine einfache Aufgabe. Das wichtigste wirtschaftspolitische Ziel ist die Schaffung von Wachstum und Arbeitsplätzen. In den letzten Jahren hat sich dabei der Fokus vom reinen Wachstumstempo hin zu Qualität und Nachhaltigkeit des Wachstums verschoben. Den Preisdruck in vernünftigen Grenzen zu halten und das Erwartungsmanagement in Bezug auf die Inflation bleiben wichtige Aufgaben für die Zukunft.

Ein Blick auf die vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass das Land bislang bei der Inflationskontrolle gute Erfolge erzielt hat. Die Zeiten zweistelliger Inflationsraten, wie sie in den 80er und Mitte der 90er Jahre verzeichnet wurden, scheinen vorbei zu sein. In den letzten zehn Jahren konnte die Teuerung auf weniger als 6 Prozent im Jahresdurchschnitt begrenzt werden, und dies trotz anhaltendend hohen Wirtschaftswachstums. Dennoch ist der vor China liegende Weg kein leichter.

Es ist nicht immer richtig, die Lebensmittelpreise für den inländischen Preisanstieg verantwortlich zu machen. Angesichts diverser struktureller Veränderungen dürfte sich der Preisdruck intensivieren. Zu diesen strukturellen Umbrüchen gehört auch der Aufstieg großer Schwellenländer, unter ihnen auch China. Dies impliziert einen fortgesetzten Anstieg der Nachfrage nach knappen Ressourcen wie Öl und mineralischen Rohstoffen sowie Nahrungsmitteln.

Der Aufwärtsdruck auf die Löhne wird sich fortsetzen. Dies zeigen schon die jüngsten Streikaktionen in den südlichen Provinzen Chinas. Die geplanten sozialen Verbesserungen für Arbeitnehmer sowie die Rentenpläne sind positive Schritte, die allerdings die Einstellung von Arbeitskräften verteuern werden.

Zudem erhöhen sich durch die für langfristiges und nachhaltiges Wachstum erforderliche Umweltsteuer die Produktionskosten und Güterpreise. Höhere Rohstoffpreise und Löhne scheinen unausweichlich, wenn die chinesische Volkswirtschaft ein neues Entwicklungsstadium erreicht. Zwar hat in den letzten Jahren primär die Verteuerung der Lebensmittel den Konsumentenpreisindex in die Höhe getrieben; es ist allerdings nicht zu übersehen, dass auch die Kernrate der Verbraucherpreisinflation stetig angestiegen ist. In dem konsistenten Anstieg der Kernrate spiegeln sich die Auswirkungen der strukturellen Veränderungen in der chinesischen Wirtschaft wider.

Die chinesischen Behörden nutzen neben Zinsanpassungen verschiedene geldpolitische Hebel; so setzt die PBOC z.B. Ziele für das Geldmengen- und Lohnwachstum. Diese Aufgabe wird durch die Existenz eines großen informellen Kreditmarkts erschwert. Auch das gegenwärtige Renminbi-Währungsregime macht die geldpolitische Steuerung zu einer noch komplexeren Aufgabe. Die jahrelange Anhäufung von Devisenreserven hat zu einer Ausweitung der Geldmenge und zunehmendem Inflationsdruck geführt, so dass in der Folge geldpolitische Maßnahmen zur Abschöpfung der überschüssigen Geldmenge fiskalische Kosten erzeugten.

China hat mit der Steuerung der inländischen Liquidität sowie dem Erwartungsmanagement in Bezug auf die Inflation zu kämpfen. Die Behörden haben signalisiert, dass sie im derzeitigen Konjunkturzyklus mit einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums rechnen. Die Zielvorgabe für 2011, nämlich die Inflationsbekämpfung, weicht nun der Besorgnis über Abwärtsrisiken. Die Mindestreserveanforderung für Banken sind bereits gesenkt worden, was bedeutet, dass die Phase der geldpolitischen Straffung zu Ende ist.

China wäre gut beraten, im laufenden Konjunkturzyklus bei einer möglichen geldpolitischen Lockerung Vorsicht walten zu lassen. Noch müssen Grundbedürfnisse wie Wohnraum für die Bevölkerung gestillt werden. Daher ist der nachfragegetriebene Inflationsdruck deutlich höher als in Industrieländern. Sollte über einen bestimmten Punkt hinaus Liquidität ins System gepumpt werden, könnte dies in der Zukunft zu einer Blasenbildung führen und das Risiko konjunktureller Auf- und Abschwungszyklen erhöhen. Eine andere Möglichkeit, den Inflationsdruck einzudämmen, wäre die angebotsseitige Verknappung anzugehen. So ist es ermutigend, zu sehen, dass effizientere landwirtschaftliche Methoden gefördert und das Angebot an Wohnraum für Geringverdiener ausgeweitet werden.

Alles in allem ist nicht zu erwarten, dass die Zentralbank im laufenden Jahr eine aggressive geldpolitische Lockerung vornimmt. So könnte man die Geldpolitik im größten Teil des Jahres 2012 wohl am besten als „neutral mit Lockerungstendenz“ beschreiben. Der unlängst verzeichnete Anstieg des Einkaufsmanagerindex ist positiv zu sehen, wobei es jedoch keine Garantie dafür gibt, dass der im vierten Quartal 2011 erlebte Gegenwind aus der Weltwirtschaft nicht wieder auffrischt. Daher ist Flexibilität das Gebot der Stunde, und dies nicht nur in der Geldpolitik, sondern auch beim Einsatz anderer wirtschaftspolitischer Instrumente. So wurden bereits an den Immobilienmärkten einiger chinesischer Städte eine Reihe von restriktiven Bestimmungen gelockert.

Auf mittlere bis längere Sicht können strukturelle Veränderungen die Effizienz der Geldpolitik erhöhen und zu einer Steuerung der Inflationserwartungen beitragen. Neben der Auflösung von Angebotsengpässen sind die wichtigsten anstehenden Aufgaben ein schrittweiser Übergang zu einem stärker marktbasierten Zinsniveau und Kreditvergabesystem sowie die Kontrolle des informellen Kreditmarkts durch die Regulierungsbehörden.

 

 


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